Ansprache von Bente Kahan im Deutschen Generalkonsulat in Breslau

Ansprache von Bente Kahan im Deutschen Generalkonsulat in Breslau, Polen, am 6. Dezember 2016 in Verbindung mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland

Exzellenz, Frau Generalkonsulin Wolbers, liebe Ehrengäste, liebe Freunde, liebe Familienangehörige!

Vielen Dank.

Viele von uns haben versucht, zu verstehen, was unseren Eltern zugestoßen ist.
Den Holocaust zu verstehen. Für mich ist er unbegreiflich.
Ich werde nie in der Lage sein, ihn zu verstehen.
Aber weil ich nicht in der Lage war, ihn zu verstehen, habe ich versucht, zu reparieren.
Das ist es, worauf ich mein ganzes Berufsleben ausgerichtet habe.
In Breslau habe ich gleichgesinnte Menschen getroffen, die meisten von ihnen sind heute hier anwesend.
Wir haben die Kräfte gebündelt, gemeinsam durch Kunst und Restaurierung repariert und in so vieler Weise emotional für uns selbst und für die Gesellschaft.
Ich bin in Oslo, in Norwegen, aufgewachsen. Mein Vater wurde in Sighet geboren, was heute in Rumänien liegt, und meine Mutter war eine norwegische Jüdin. Mein Vater ist ein „Überlebender”, während meine Mutter verschont wurde. Sie flüchtete mit ihren Eltern und Geschwistern nach Schweden. Aber ihre Onkel, Tanten und Cousins wurden nicht verschont.
Die Verwandten meiner Mutter wurden im November 1942 aus Norwegen deportiert, während mein Vater und seine Verwandten im Mai 1944 deportiert wurden. Das Ziel war in beiden Fällen Auschwitz-Birkenau.

Polen war kein Land, das wir geplant haben, zu besuchen. Es stand unter kommunistischer Herrschaft, und es war das Land, in dem unsere Verwandten ermordet wurden, der physische Ort.  Deutschland, damals natürlich West-Deutschland, Ost-Deutschland war nicht zugänglich, war ein Land, das wir nur durchquerten, in dem wir auf der Autobahn fuhren, wenn wir auf dem Weg in andere Länder Europas waren. Kein Zwischenstopp.
Und heute stehe ich hier und bekomme eine deutsche Auszeichnung in Polen.
Deutschland, das für mich immer ein wichtiger Ort war, um als Schauspielerin und Sängerin aufzutreten, und bleiben wird, und Polen, das nun seit 15 Jahren mein Zuhause ist.

Die jüdische Geschichte von Wrocław und das jüdische Kulturerbe sind einzigartig, eine Tatsache, die in diesem Jahr für viele offensichtlicher geworden ist, in dem unsere Stadt Europäische Kulturhauptstadt war.
Es gibt uns Hoffnung, dass heute Juden in der Stadt präsent und aktiv sind, rund um die Jüdische Gemeinde und das Institut für Jüdische Studien an der Universität, Hoffnung, dass dieses Erbe nicht nur bewahrt wird, sondern auch zukünftigen Generationen dienen wird, sowohl Juden als auch Nicht-Juden.

Im Jahr 2013 habe ich den polnischen Orden “Polonia Restituta” erhalten, heute wird mir von der Bundesrepublik Deutschland das Bundesverdienstkreuz verliehen. Das sind wichtige Auszeichnungen und Anerkennungen beider Länder für die Arbeit der Bente-Kahan-Stiftung, ein geteiltes jüdisches Kulturerbe in der Mitte Europas.